Worüber sollten Sie sich Gedanken machen?
Was gehört in eine gute Patientenverfügung (PV) hinein? Dies ist die alles entscheidende Kernfrage, die sich sowohl jede*r Jurist*in, jede*r Mediziner*in, als auch jede*r Patient*in stellt. Und diese gilt es zu klären. Wünschenswert wäre natürlich, wenn jede noch so kleine Eventualität niedergeschrieben wäre und es stets einen strikten Entscheidungsbaum gäbe, an welchem sich Angehörige und Ärzt*innen langhangeln könnten. Dies wird leider ein Wunschgedanke bleiben und auch wenn ich meine eigene Patientenverfügung bereits sehr detailliert verfasst habe, wird auch diese Interpretationsspielraum lassen und nicht perfekt sein.
Daher bitte ich Sie, machen Sie sich vorerst Gedanken über die vier hier aufgeführten Überbegriffe. Entscheiden Sie, wie Sie zu den einzelnen medizinischen Eingriffen und Möglichkeiten stehen und ob Sie sich ein für Sie lebenswertes (Weiter-)leben mittels dieser Techniken vorstellen können.
Unter einem weiteren Reiter bei Patientenverfügung finden Sie auf Wunsch noch vertiefende Aspekte einer Patientenverfügung (u.a. künstliche Darmausgänge, Schädeloperationen bei schwersten Kopfverletzungen oder Schlaganfällen, kreislaufunterstützende Medikamente, Antibiotikatherapie)
langanhaltende oder dauerhafte künstliche Ernährung
Hiermit ist keineswegs die kurzzeitige Ernährung über eine für wenige Tage eingebrachte Magensonde gemeint.
Wie die Überschrift bereits vermuten lässt geht es hier um eine langanhaltende oder sogar dauerhafte künstliche Ernährung über eine eingebrachte Ernährungssonde (zum Beispiel eine PEG-Sonde). Diese Sonden werden (meist mittels Magenspiegelung - Sie schlafen dabei natürlich - denn Sie sind ja zu diesem Zeitpunkt schwer krank) in Ihren Magen oder einen Teil Ihres Darmes eingebracht und dann an die Oberfläche Ihrer Bauchhaut ausgeleitet und fixiert. Über diesen in den Verdauungstrakt eingelegten Schlauch kann dann eine Ernährung stattfinden.
Medizinische Gründe für das Einbringen einer solchen Ernährungssonde sind vielfältig. Häufig sind es aber ausgeprägte Schluckstörungen aufgrund schwerer Kopfverletzungen oder anderer schwerer Verletzungen im Bereich des Kehlkopfes und / oder der Speiseröhre, die einen einwandfreien Transport an der Lufröhre vorbei hin zum Magen sehr erschweren oder sogar unmöglich machen.
langanhaltende oder dauerhafte maschinelle Beatmung
Hiermit ist natürlich ebenfalls keineswegs eine kurzzeitige Beatmung, wie sie für das durchführen einer Operation benötigt wird, gemeint. Ebenso wenig meint es eine eventuell notwendige sogenannte Nachbeatmung für wenige Tage auf einer Intensivtherapiestation (ITS) nach einer großen Operation.
Da eine langanhaltende oder dauerhafte maschinelle (im Volksmund künstliche) Beatmung nicht über einen Beatmungsschlauch, welcher wie bei einer Operation, durch den Mund eingeführt wird, aufrecht erhalten werden kann - Die Gründe hierfür sind vielfältig, u.a. Die Austrocknung des Mundes und der Zähne und die ständige Verbindung der Bakterien innerhalb unseres Mundes (sogenannte Mundflora) mit der Schleimhaut der Lunge, was zu Lungenentzündungen führt - ist die operative Anlage einer Verbindung der Luftröhre zur vorderen Halshaut unterhalb des Kehlkopfes vonnöten.
Diese entweder chirurgisch oder durch die Kolleg*innen der ITS (mittels Punktion und anschließender Aufdehnung des Raumes zwischen den Luftröhren-Knorpelspangen) durchgeführte Maßnahme nennt man Tracheotomie und die anschließend vorhandene Verbindung der Luftröhre zur Halsvorderseite heißt Tracheostoma. Dieses Tracheostoma kann dann mit einem einliegenden Plasteschlauch (einer sogenannten Trachealkanüle, diese gibt es auch mit Sprechaufsatz, die Stimme klingt natürlich dann nicht wie die Originalstimme) an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden, um eine Langzeitbeamtung zu realisieren.
langanhaltende oder dauerhafte Organersatzverfahren
Dieser Abschnitt beschäftigt sich, für Sie als Patient*in, hauptsächlich mit dem Nierenersatzverfahren, der sogenannten Dialyse. Es gibt noch andere Organersatzverfahren, zum Beispiel Leber- oder Lungenersatzverfahren. Da diese aber vorrangig nur überbrückend eingesetzt werden, möchte ich hier hauptsächlich die Dialyse bei ausgeprägter Nierenschädigung beleuchten (wie sie u.a. nach einer schweren Blutvergiftung, einer sogenannten Sepsis, oder nach Einnahme / Verabreichung nierenschädlicher Medikamente, auftreten kann).
Für die Durchführung einer Blutwäsche (Dialyse) wird anfänglich lediglich ein großer zentralvenöser Zugang benötigt, welcher häufig im Bereich der Halsaußenseite routiniert mittels Ultraschallgerät eingelegt und fixiert wird. Ist die Dialyse länger oder eventuell dauerhaft vonnöten, wird ein robusterer Katheter (sogenannter Demerskatheter) oder aber ein Shunt im Bereich eines Unterarmes benötigt. Beide Varianten werden im Regelfall chirurgisch angelegt. Der Demers-Katheter wird wie der anfängliche große zentralvenöse Katheter in die Vene eingebracht und dann aber zusätzlich unter der Haut an die Oberfläche der vorderen Brustwand „getunnelt“. Dies dient primär als Infektionsbrücke und Fixierung des Katheters. Ein Shunt-Arm wird chirurgisch durch das „Kurzschließen“, also Zusammenlegen einer Vene und einer Arterie des Unterarmes erzeugt, wodurch dieses Gefäß dann stark aussackt und mehrfach ambulant in einer Dialysepraxis punktiert werden kann.
Eine ambulante Dialyse dauert im Regelfall zwischen 4 und 6 Stunden und muss ca. 3 mal wöchentlich durchgeführt werden, um das Blut ausreichend „zu waschen“.
langanhaltende oder wiederholte Wiederbelebungsmaßnahmen
Dies ist ein Punkt mit welchem Sie sich insbesondere in höherem Alter, zum Beispiel vor dem Einzug in ein Pflegeheim, beschäftigen sollten. Aber es kann natürlich auch vorher bereits zu Situationen kommen, in welchen eine Wiederbelebung notwendig ist.
Hier bitte ich Sie primär sich vor Augen zu führen, dass sollte Ihr Herz aufhören zu schlagen, der Transport von Sauerstoff durch Ihre Blutgefäße zu den Organen und „die Abfallprodukte“ von diesen weg zum Erliegen kommt. Mit jeder Minute ohne fachgerecht einsetzende Herzdruckmassage sinkt die Wahrscheinlichkeit des Überlebens drastisch. Sollte es den Kolleg*innen doch gelingen Ihren Kreislauf wiederherzustellen (dies hängt u.a. von der Art des Kreislaufstillstandes ab), bleibt nur zu hoffen, dass nicht zu viele Zellen des Körpers (insbesondere natürlich die Zellen des Gehirns, die sogenannten Neurone) aufgrund der Sauerstoffunterversorgung unwiederbringlich geschädigt wurden.
Sollte es zu einem ausgeprägten Zelluntergang innerhalb des Gehirns gekommen sein (dies kann mittels Laborparameter im zeitlichen Verlauf erfasst werden), wird eine vollständige Erholung mit uneingeschränkten körperlichen und geistigen Fähigkeiten zunehmend unwahrscheinlich.
Hier schließt sich so ein wenig der Kreis, da insbesondere die Wiederbelebung dazu führen kann, dass Organersatzverfahren, eine Langzeitbeatmung und dauerhafte künstliche Ernährung häufig unumgänglich sind, um den Körper am Leben zu erhalten.
Aber auch hier muss sich bitte jede*r wieder die Frage der eigenen Definition eines lebenswerten Lebens stellen und für sich selbst, zusammen mit den Angehörigen und / oder Freunden, beantworten.